Donnerstag, 9. Juni 2016

Bilderberg 2016 in Dresden

Wenn ich erklären soll, weswegen ich mich auf den Weg nach Dresden mache, um mir die Bilderberger Konferenz aus der Nähe anzusehen, erzähle ich gerne die Geschichte, wie ich vor rund 20 Jahren einen kurzen Artikel aus der Wirtschaftswoche ausgeschnitten habe, der in knappen Worten von der Konferenz berichtete. Damals konnte es einem passieren, dass es einem als „Verschwörungstheorie“ ausgelegt wurde, wenn man an die schiere Existenz der Konferenz glaubte und so ein Artikel in einem „Mainstream-Medium“ sorgte immerhin für die Gewissheit, dass man nicht doch einer Fata Morgana hinterherjagte. Über das alljährliche Treffen von Industriellen, Adeligen, Medienschaffenden und Politikern konnte man damals - vor der Breitennutzung des Internets - nur in „einschlägigen“ Büchern lesen, wie etwa Gary Allens „Insider“ oder die unsäglich schlechte Geheimgesellschaften-Reihe von Jan-Udo Holey alias Jan van Helsing. Vielleicht war einem – wie mir – auch ein Exemplar des vergriffenen Romans „Hotel Bilderberg“ des deutschen Journalisten Bert Engelmann in die Finger gekommen. Es war die Zeit der Fotokopien und wer eine der schon damals regelmäßig geleakten Teilnehmerlisten in den Händen hielt, wähnte sich schon in Besitz brisanten Enthüllungsmaterials. Die sicherlich auch bei mir selbst herrschende  Obsession mit den „Bilderbergern“ rührte vor allem daher, dass sich aus mir unerfindlichen Gründen kein „Leitmedium“ mit ihnen beschäftigte und die verschwörungstheoretische Erklärung einleuchtend klang, dass ja genau deswegen ZEIT-Chefredakteure und Springer-Verlags-Vertreter anwesend waren. Ich empfand es als den Job der vierten Gewalt, mir zu erklären, was die Herrschaften da jedes Jahr treiben und da diese den Dienst verweigerte, musste ich eben selber forschen.
20 Jahre später weiss ich immer noch nicht, was hinter den geschlossenen Türen besprochen wird und ob es irgendeine sinnvolle Definition von „Weltregierung“ gibt, unter der man zumindest die Folgen aus diesen Gesprächen subsumieren könnte. Vielleicht hat AXA und Konferenz-Chef Henri de Castries ja recht, wenn er sagt:

"Menschen träumen gerne und stellen sich vor, dass es irgendwo einen Orden gibt, wo einige Leute alles entscheiden. Da steckt ein wenig Einbildung in dem Mythos um Bilderberg. Es ist aber eigentlich viel simpler. Ja, es stimmt, dass viele der Teilnehmer große Verantwortung haben, wichtige Jobs, die Akademiker einen hohen Fachkenntnisstand. Daran ist doch nichts falsch. Wenn wir unsere Welt besser verstehen wollen, ist es gut, Gespräche zwischen diesen Menschen zu erleichtern. Denn sich gegenseitig zuzuhören heißt immer, sein Verständnis zu verbessern. Und manchmal helfen widersprüchliche Sichtweisen, bessere Antworten zu finden."


Seit einigen Jahren ist die öffentliche Aufmerksamkeit zudem immerhin auf einem Niveau, dass ich mich persönlich nicht mehr in der bürgerlichen Pflicht sehe, zwingend selbst Aufklärungsarbeit betreiben zu müssen. Die Bilderberger selbst, die seit 2010 sogar eine offizielle Homepage pflegen, scheinen auch stärker an Publicity interessiert zu sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sie ausgerechnet eine bundesdeutsche Großstadt als Treffpunkt ausgewählt haben, anstelle der sonst üblicherweise sehr abgeschieden gelegenen Luxushotels. Da man ihnen von TTIP über den Klimawandel bis hin zur Asylkrise so ziemlich alles in die Schuhe schieben kann, könnte in Dresden von dunkelrot bis tiefbraun alles da sein, was weder Rang noch Namen, aber gegen "das System" protestiert (Pegida allerdings nicht, wie mir vor Ort zugetragen wird.



In Dresden empfängt einen am Tag vor Konferenz-Beginn ein abgeriegelter Vorplatz des Taschenbergpalais mit beeindruckender Polizeipräsenz. Die Vertreter der "Alternativen Medien" sind auch vor Ort, wie etwa Luke Rudkowski von We are Change. Jeff Berwick von Anarchast und Dan Dicks aus Kanada, von Press for Truth, alles Bekanntschaften von Anarchapulco 2016. Zu meiner großen Freude ist auch Good Old Charlie Skelton wieder da, der seine inzwischen 7. Bilderberg-Konferenz für den Guardian beobachtet. Auch dieses Jahr ist sein "Bilderblog" nicht nur für Freunde des britischen Humors sehr zu empfehlen. Seine Gattin und er sorgen auch für den ersten kleinen Aufreger, als sie kurz ein kleines Plakat entrollen wollen, um die Teilnehmer eines Stadtlaufes, die gerade genau an den Absperrungen vorbeijoggen, auf Bilderberg aufmerksam zu machen. In Sekunden sind mehrere Polizisten da und beschlagnahmen das Transparent. Ich stehe genau daneben und mein Blutdruck steigt zum ersten Mal, als die Beamten dem ausgesprochen höflichen und kooperativen britischen Paar erklären wollen, dass der Text möglicherweise eine Beleidigung darstelle. Meine Erklärungsversuchen fruchten ebenfalls nicht, das Plakat wird verbannt. Dabei ist es vermutlich mit Bilderberg wirklich so einfach, wie es da steht:


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