Mittwoch, 29. Juni 2011

Stachelschweine und staatsfreies Frühstück

Wenn ich im Fortlauf von "den Amerikanern" und "den Deutschen" spreche, bin ich mir vollkommen im klaren darüber, daß pauschale Aussagen über das "Wesen" von "Völkern" problematisch sind. Es sind aber nur meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen. Ich will damit niemanden persönlich angreifen, es sei denn, er/sie stellt sich mir persönlich vor und ich komme persönlich zu dem Eindruck, daß ich den vermeintlichen Angriff sogar bestätigen und ggf. bekräftigen möchte.

Amerikaner gelten nach meiner Wahrnehmung in Deutschland gemeinhin als "freiheitsliebend". Ich selbst hielt sie bis vor einigen Jahren zumindest dafür, zuallermindest im Vergleich zu den mir extrem staatsgläubig erscheinenden Deutschen. Allerdings hatte ich mich nie wirklich und vor allem "an der Quelle" intensiv mit Amerikanern beschäftigt. Ich kannte kaum welche und verfolgte auch das dortige politisch-kulturelle Alltagsgeschehen bei weitem nicht so aufmerksam wie heute. Als im Frühjahr 2007 die ersten Online-Aktivitäten in den USA starteten (z.B. die legendäre Seite www.dailypaul.com) war ich aber mit Feuer und Flamme dabei und felsenfest davon überzeugt, daß Ron Paul eine ernsthafte Chance bekommen würde, zumindest bei den Republikanern, weil ich dachte, daß die Amerikaner einfach nur nie von ihm gehört hatten und das überwältigende Engagement der Online-Graswurzelrevolution um den alten Texaner sie einfach nur begeistern würde. Inzwischen ist mein Eindruck, daß "die Amerikaner" noch etatistischer sind, als die Deutschen, speziell in puncto "ihrer" partiellen imperialen Kriegsgeilheit, die "wir" uns inzwischen wenigstens abgewöhnt haben. Dafür ist die Lage in puncto Libertarismus in USA nicht so hoffnungslos wie hier. Das liegt schlicht einfach daran - und das sage ich als monetär-agnostischer Idealfernziel-Anarchokapitalist - daß in Deutschland selbst der Staat besser funktioniert als im Ausland, was vielleicht daran liegt, daß Deutsche überdurchschnittlich gründlich arbeiten, egal wer ihnen die Befehle gibt. Die Amerikaner haben dafür aber libertär-kapitalistische Wurzeln und Ur-Ideale, die auch pop-kulturell und netzpolitisch mobilisierbar sind. In "Was der Ron Paul Hype für uns bedeuten kann", schrieb der Blogger "Freecitizen" 2007:

"Viele werden sich fragen wozu es in Europa und im deutschsprachigen Raum überhaupt Blogs und Websites gibt die sich mit Ron Paul beschäftigen. Schliesslich ist er ein alter, konservativer Amerikaner der sich um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten bemüht. Was hat das mit Europa oder gar Bayern, der Steiermark oder dem Wallis zu tun? Lasst uns doch endlich mit den Amis in Ruhe. Na ja, zugegeben die USA sind zum einen weit weg und zum anderen nicht gerade in einer vorbildlichen Position wenn es um Freiheit und Frieden geht..."

...

"Die amerikanische Revolution steht auf dem Boden einer einfachen These. Jeder einzelne Mensch - und nicht nur jeder Amerikaner - ist frei. Er hat ein Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Diese Rechte können ihm weder verliehen noch entzogen werden. Die Aufgabe des Staates ist es diese Rechte zu schützen und sonst nichts. Dies, und nur dies ist das Fundament der amerikanischen Verfassung. Sie ist die einzige Verfassung die allein auf dieser Grundlage steht. Während die amerikanische Verfassung das Individuum über alles stellt, ist in der französischen Revolution -die jünger als die amerikanische Revolution ist- die Gleichheit neben Freiheit und Brüderlichkeit grundlegender Teil des Fundamentes. Und obwohl damit die Gleichheit vor dem Gesetz gemeint ist wurde damit dem Recht von Gruppen die Tore geöffnet was rasch zum Blutbad führte. Wer einzelnen Gruppen besondere Rechte verleiht der nimmt Gewalt gegen den Einzelnen billigend in Kauf."

Wie absonderlich dieser Freiheitsgeist "modernen" Amerikanern erscheint, verblüfft mich persönlich immer wieder, da dieser Geist für mich zur Vorstellung des "Amerikanertums" dazugehört. Zu beobachten ist das z.B. daran, daß ein libertäres Festival wie Porcupine für intelligente junge Journalisten des öffentlichen National Public Radio (lebt NICHT von Zwangsabgaben!) den Gipfel der Exotik darstellen. Das sympathische Team stellt sich z.B. auf sehr humorvolle Art ernsthaft der Frage, wie man sich denn bloß ein Frühstück zubereitet, wenn man weitestgehend auf Produkte, die der Aufsicht und Steuergewalt des Staates unterliegen, vermeidet:

"We wondered how you make that work in real life. How do you, say, buy breakfast without involving the government? It's not easy."

Im wirklich hörenswerten und unterhaltsamen Podcast beschreibt ein Reporter weiter, wie er vor Ort von einem Kind eine flasche Bier verkauft bekommt, die er mit einem zuvor erworbenen einlaminierten 1g Silberplättchen bezahlt hat und denkt dabei offenbar erstmal ernsthaft über das Prinzip der freiwilligen spontanen sozialen Interaktion und des Handels nach. Man könnte meinen, auf "Normale nette junge gut informierte Amerikaner" wirken "Libertäre" offenbar ein wenig wie irgendwie sympathische Aliens, ohne daß ihnen auffällt, daß diese "Aliens" weitestgehend "ur-amerikanische" Selbstverständlichkeiten vertreten.
Wir schreiben inzwischen das Jahr 2011. "Social Media" haben sich so weit durchgesetzt, daß weder private noch staatliche Nachrichtmedien "Facebook-Trends" oder "Youtube-Hypes" einfach übersehen und ignorieren können, wie noch in 2007-2008. Ich bin wirklich sehr gespannt, was die inzwischen gewachsene und gut geölte "Ron Paul Machine" dieses Mal veranstaltet. Ein "Veteran" der "Ron Paul Revolution", Ernie Hancock aus Phoenix, der Erfinder der "Lovolution"-Logo, traf auf dem Porcfest 2011 auf den kanadischen Fundamental-Voluntaristen Stefane Molyneux und diskutierte über Ron Paul und die libertäre Bewegung, moderiert von Adam Kokesh (das ganze bei Russia Today online...). Wir dürfen gespannt sein.

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