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Mittwoch, 28. Mai 2008

Blaue Narzisse vergreift sich im Ton

Nachdem wir (die Autoren dieses Blogs) immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert werden, rassistisch und/oder antisemitisch und/oder homophob (wenn was fehlt, bitte in den Kommentaren ergänzen) zu sein oder es zumindest an der "notwendigen" Sensibilität mangeln zu lassen, möchte ich ´mal ein Beispiel dafür bringen, wo für mich die Grenze überschritten wurde, wo für mich jemand, den ich nicht persönlich kenne, sich in einer Form geäußert hat, die ich nicht unwidersprochen lassen möchte.

Die Online-Publikation "Blaue Narzisse" hat eine Rezension von Robert Grözingers "Wer ist Ron Paul - der Kandidat des Internets" publiziert. Grözinger, ein Libertärer mit konservativ-bürgerlichen Tendenzen - und hier bitte ich die Schwammigkeit der Labels zu entschuldigen, aber manche Libertäre brauchen sowas - interpretiert in seinem Buch die "Ron Paul Revolution" als eine bürgerliche Gegenbewegung, was sie zweifellos ist, denn der Begriff "bürgerlich" ist in dem Fall nichtssagend genug, um nicht reflexartig widersprechen zu müssen. Seine Interpretation ist zudem offen genug, um nicht ausschließend zu sein, auch wenn Grötzinger seine konservative Perspektive durchaus scharf konturiert. Sie stößt in meinen Augen niemanden von sich, sondern lädt ein. So wie Grözinger es versteht, kann in meinen Augen jeder ein bißchen "konservativ" sein.

Anders Andreas Lehmann, der Rezensent der "Blauen Narzisse", einer Publikation, über die ich so gut wie nichts weiß, außer daß sie wohl für Leser gedacht ist, die sich selbst als "rechtskonservativ" bezeichnen würden, was mir z.B. so nicht in den Sinn käme (in etwa so wenig wie "linksextrem").

Ich bin überzeugt, dass das jährliche Baseballspiel der Republikaner und der Demokraten als eine der produktivsten Veranstaltungen betrachtet werden muss, an denen sich die Mitglieder des Kongresses beteiligen

"Eine bessere und gleichzeitig humorvollere Einleitung in die Gedankenwelt der Libertarians und ihres politischen Führers Ron Paul könnte es nicht geben."

beginnt Lehmann seinen Versuch, Ron Paul seinen Lesern vorzustellen, indem er den Republikaner zitiert. Hier könnte wer unbedingt will, bereits beim Begriff "politischer Führer" aufhorchen, da die Ron Paul Revolution dadurch gekennzeichnet ist, daß ihrem "Führer" und seinen "Geführten" das charakteristisch starr-hierarchische Verhältnis abgeht. Aber "Führer" sind allen Unkenrufen zum Trotz ja nicht unbedingt Ver-führer oder Demagogen und die Paulites sind zweifellos dankbar für ihr Vorbild.

Lehmann fährt fort:

"So artikuliert sich nicht nur ein radikales Eintreten für die Freiheit im Allgemeinen und den freien Markt im Besonderen, sondern auch eine tiefe Verachtung des großen Spiels der Politik, der Infantilität, mit der die westliche Welt regiert wird, und des Versorgungsstaates, der Schmarotzer begünstigt."

Alles ok, bis auf den letzten Satz. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß der Versorgungsstaat AUCH Schmarotzer begünstigt, aber es gäbe genug andere Kritikpunkte, die man anführen könnte. Meine Meinung: unnötig, aber nicht verdammenswert. Aber, liebe Jünger der Political Correctness, meine Antennen funktionieren, gell?

Weiter geht`s:

"Die Situation der USA ist mittlerweile nicht nur dramatisch, sie ist hausgemacht. So wie jedes andere große Reich scheint auch Amerika zunehmend „fetter“ zu werden. Die USA verfetten geistig und körperlich, da sie die vitalen Probleme des eigenen Landes und der Kultur nicht mehr lösen wollen und nicht einmal mehr wahrnehmen."

Stimmt. Man könnte nur bereits diskutieren, was genau die originäre Kultur der USA sein soll.
Muß man aber nicht. So wie Ron Paul sie verkörpert, sind "uramerikanische Werte", wie ich sie auch durch ihn und seine Bewegung kennengelernt habe, jedenfalls nichts, was ich bekämpfen würde, ganz im Gegenteil.

Es folgt die Zwischenüberschrift:

"Dekadenz und der fehlende Wille, als Volk weiterleben zu wollen"

Hoppla. "Der fehlende Wille als Volk weiterleben zu wollen"? Eine für im bundesrepublikanischen Mikrokosmos akklimatisierte Augen und Ohren anrüchig klingende Formulierung. Aus anderer, nämlich libertärer Sicht, fragwürdig, da ein unsympathischer Kollektivismus mitschwingt. Nichts gegen freiwillige Kollektive, aber "Volk" kennt kein Sezessionsrecht (ich bin auch in Panama noch "Deutscher" und die armen Amerikaner sind sogar weltweit steuerplichtig) und aus individualistischer Sicht möchte ich nicht un-bedingt im Namen eines "Volkes" vereinnahmt werden.

"Es ist damit natürlich eine Situation beschrieben, die in weiten Bereichen auch auf Deutschland zutrifft. Dramatische Staatsverschuldung, Entwertung der Währung, Parteienherrschaft, Lobbyismus und die Unfähigkeit ausländische Konflikte mit der nötigen Härte und Opferbereitschaft zu lösen, sind ein klares Indiz für Dekadenz, für den Unwillen eines Volkes das eigene Überleben zu sichern und sich den Emporkömmlingen aus anderen Kulturen entgegen zu stellen."

Erster Teil, volle Zustimmung. Aber welche "ausländischen Konflikte" sollen "wir Deutsche" denn mit der "nötigen Härte und Opferbereitschaft lösen"? Ich möchte schon ganz genau wissen, für wen oder für was ich mich opfern soll und im Ausland vermute ich aktuell keine Konflikte, die die Härte meiner Opferbereitschaft erfordern würden. Im Gegenteil.
Natürlich kann auch "ein Volk" ebensowenig einen Willen wie einen Unwillen zum Überleben haben, aber vielleicht meint der Autor die Unlust derjenigen, die sich selbst dem Kollektiv "die Deutschen" zurechnen, eben die Attribute fortleben zu lassen, die sie für sich als exklusiv kennzeichnend ansehen. Die deutsche Sprache vielleicht, um die es auch in meinen Augen schade wäre? Oder überhaupt Leute, die sich als "Deutsche" verstehen? Hm. Würde mir auch irgendwie fehlen, so alles in allem. Vielleicht wissen Leser der "Blauen Narzisse" genauer, was "uns Deutsche" ausmacht. Aber, zweifellos, eine Formulierung die wachsam macht und ich will ja brav aufpassen, ob ich auch was gelernt habe, als Deutscher der ich bin (mir konnte leider noch niemand abschließend beantworten, ob meine italienischen Wurzeln mich irgendwie in meiner besonderen Verwantwortung als Deutscher entlasten oder ob eine Achsenmacht nicht zählt).

Einen unschönen Denkfehler offenbart Lehman allerdings in seiner Bemerkung über die "Emporkömmlinge aus anderen Kulturen". Erstens gefällt mir nicht der abfällige Ton, als seien Angehörige "anderer Kulturen" per se "Emporkömlinge" die sich zu den Höhen derer aufschwingen, die als "Deutsche" per se schon "oben" seien. Zweitens ist es ganz gewiß keine Lösung für "die Deutschen", wenn sie sich irgendwelchen "anderen Kulturen" entgegenstellen, weil diese "anderen Kulturen" weder Ursache für noch Schuld an Staatsverschuldung, Währung und bundesdeutschen Parteienmisere sind. Ich benötige jedenfalls keine anonymen ausländischen Sündenböcke, ich benenne in meinen Augen Schuldige lieber individuell und die betonte Zugehörigkeit der Feinde der Freiheit zu irgendwelchen Kollektiven ist in der Regel eher symptomatisch als ursächlich für ihre Freiheitsfeindlichkeit (mir ist ein deutscher Nazi-Prolet nicht lieber als ein jüdisch-homosexueller Libertärer - ganz im Gegenteil). Es ist ferner eine Verkennung der Multikulturalität der USA, wenn die Ron Paul Revolution in so einen monokulturalen Kontext gestellt wird. "We are the people" ist nicht ethnisch-ausgrenzend gemeint, auch wenn die deutsche Übersetzung so klingen mag. Die amerikanischen "Paulites", die ich kennengelernt habe, bestätigen diese meine Sicht mit ihrer Freude über außeramerikanische Unterstützer und der heterogenen Buntheit der Mitglieder dieser Bewegung.

Es folgen einige Passagen, gegen die ich nichts einzuwenden habe.

Versöhnlich aus libertärer Sicht ist auch der Abschluß:

"Das Buch ist besonders Jugendlichen und an der Idee der Freiheit interessierten Menschen zu empfehlen. Neben der Beschreibung der Kampagne kommt auch die liberale Theorie nicht zu kurz. Leicht lesbare Einführungen in das Wesen der Freiheit und des freien Marktes, des Geldes und deren Unvereinbarkeit mit Interventionismus und Sozialismus wechseln sich ab mit interessanten Anekdoten aus Pauls Vorgeschichte und den Ereignissen im Laufe des Wahlkampfes. Ein unbedingter Kauftip also für alle, die sich mit dem Phänomen Ron Paul näher beschäftigen möchten oder Freunde für die absolute Freiheit begeistern wollen.

Nieder mit den sozialistischen Ausbeutern jeglicher Couleur, nieder mit all den Möchtegern-Intellektuellen und Staatsvergötzern, die unsere westliche Kultur so lange haben bluten lassen. Die Freiheit sei’s Panier!"

Freiheit kennt zwar keine Grenzen, weswegen ich mir den Hinweis auf die "westliche" Kultur gespart hätte und wen der Herr Lehmann als "Möchtegern-Intellektuelle" identifiziert, kann ich so nicht beantworten, aber sei`s ´drum. Mit seinem Angriff auf Staatsvergötzer dürfte er sich in "rechtskonservativen" Kreisen gar der Netzbeschmutzung schuldig machen und das ist ja schon wieder mutig.

So, habe ich jetzt die rechtskonservative Bestie zu pfleglich behandelt? Wehre ich nicht der Anfänge? Erkenne ich nicht den Wolf im Schafspelz? Bin ich gar ein Apologet eliminatorisch-rassistischer Tendenzen? Ich zweifle wirklich schwer an mir und vielleicht überzeugt mich ein anonymer Kommentator, daß ich vor dem rechten Belzebub entschieden auspucken sollte.

Für Toleranz und Mitmenschlichkeit, versteht sich.

 
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