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Sonntag, 12. Oktober 2008

Krise bewußt herbeigeführt

Simone Boehringer hat in der SZ vom 24.09. einen erfrischend anderen Artikel zur Finanzkrise geschrieben, in dem sie die Forderung "Schafft die Zentralbanken ab!" formulierte.

Ich möchte einen Leserbrief aus der Süddeutschen Zeitung vom 11.-12.10.08 hier wiedergeben, der auf ein sehr wichtiges Detail eingeht, das auch Libertäre wie Prof. Murray Rothbard angesprochen haben.

Ähnlichkeiten zu aktuellen Geschehnissen und lebenden Personen sind selbstverständlich rein zufällig...

Prof. Dr. Christian Kreiß schreibt auf Seite 42 unter der Überschrift "Krise bewusst herbeigeführt":

"Wie auch wieder in Simone Boeheringers Kommentar wurde in der SZ in letzter Zeit wiederholt erwähnt, John Pierpont Morgan sei 1907 der Retter des amerikanischen Finanzsystems gewesen, zuletzt. Das ist wirtschaftshistorisch so aber nicht richtig beziehungsweise äußerst einseitig. Morgan führte über sein Bankenkonglomerat diese Krise bewußt herbei, um billige Aktiva aufzukaufen und so sein Vermögen zu mehren. Im Anschluß bewirkte er in der Tat die Rettung es Finanzsystems, allerdings unter ungeheurer Bereicherung für sich und seinen Konzern.
Dies beschreiben detailliert zwei von einander unabhängige Zeitgenossen Morgans und Augenzeugen der verheerenden Wirtschaftskrise von 1907/1908:
Conrad Max von Unruh (1890 bis 1894 Landrat von Bromberg, zuletzt Geheimer Regierungsrat) schildert in hohem Alter die Krise von 1907/08 in seinem 1918 in Leipzig erschienenen Buch "Zur Physiologie der Sozial Wirtschaft" als "Gaunerstreich gewisser U.S. amerikanischer Spekulanten". Er führt dort genau aus, wie die aus 141 Banken und 36 großen Eisenbahn- und Industriekonzernen bestehende Morgan-Gruppe kurz vor Ausbruch der Krise im Sommer 1907 über den Verkauf großer Mengen von Wertpapieren dem Martk zuerst "Riesensummen Geldes" entzog, im August 1907 bewusst Kreditierungen an andere Banken verweigerte, um so eine Kreditkrise herbeizuführen:

"Erst als die Sätze für Leihgeld die schon erwähnte Verzweiflungshöhe erreicht hatten, gaben die Morgan-Banken wieder Geld her und kauften Anlagewerte zu den tief herabgedrückten Kursen ein. Der Beutezug war dreifach gelungen!"
(Seite 228)

Unabhängig davon schildert Fritz Schwarz in seinem 1924 in Bern erschienenen kleinen Buch "Morgan, der ungekrönte König der Welt" den Krisenverlauf ähnlich. Die Morgan-Bankengruppe begann demnach die Kreditverknappung mit einem Goldabzug aus London, stellte dann am 22. August 1907 bewusst alle Kreditierungen an andere amerikanischen Banken ein und zog in großem Umfang Geldbestände aus dem Umlauf. Durch die starke Geldverknappung brachen die Kreditmärkte in den USA zusammen:

"Jetzt konnten die Finanzleute darangehen, die bis auf den untersten Punkt gesunkenen Aktien und Anteilsscheine der Unternehmungen zusammenzukaufen...Morgan kaufte nachweisbar an einem Tage 100 000 Aktien, die er zum dreifach höheren Kurs vor acht Monaten verkauft hatte! Als er sich so verschafft hatte, was ihm begehrenswert schien, trat er als ´Retter des Vaterlandes` hervor und verkündigte großartig den Wunsch, die ´Spannungen zu lösen`."
(Seite 42)

In der gängigen Wirtschaftsgeschichtsschreibung wird zu Unrecht und irreführenderweise nur der zweite Teil, die Rettung des Bankenwesens geschildert, nicht jedoch die bewusste Herbeiführung der Krise und die ungeheuerliche Bereicherung J.P. Morgans durch die Krise.

Prof. Dr. Christian Kreiß, Gröbenzell"
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Herzlichen Dank Prof. Dr. Kreiß!

 
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